Hölle auf

  • Karnevals-Zepter mit Narrenkopf, vermutlich vom Klein-Steinheimer Faschingsverein 1903, 20. Jahrhundert

Was in Steinheim Fasching heißt, ist andernorts als Karneval oder beispielweise Fasnet bekannt. Die Fünfte Jahreszeit, wie man die Faschingszeit auch nennt, bezeichnet man Brauchtümer vor der Fastenzeit zur Vorbereitung auf das Osterfest. Im Mittelalter gab es ab dem 12. Jahrhundert sogenannte „Narrenfeste“, wobei kirchliche Rituale ungestraft (Narrenfreiheit) parodiert und festliche Prozessionen abgehalten wurden.

Der Minnesänger Wolfram von Eschenbach beschreibt 1206 die „fasnaht“ als ein groteskes Treiben mit Spielen, Tänzen und Verkleidungen am Donnerstag vor dem Aschermittwoch.  Ein früher Beleg für Trink-Gelage zur Fastnacht findet sich 1353 in dem Verbot von Erzbischof Wilhelm von Gennep, welcher den Ordensleuten und Klerikern untersagte, Bier und Wein zu trinken. Im Jahr 1397 wurde der Nürnberger Fastnachtszug erstmals urkundlich erwähnt. In der Speyerer Chronik von 1612 wird die „Fastnacht“ als ein Unwesen beschrieben, bei welchem es auch zu Schlägereien gekommen ist. Mit der Reformation verlor die Fastnacht in protestantischen Orten ihren Sinn und geriet fast in Vergessenheit. Lediglich Maskenbälle wurden noch auf den Schlössern und Fürstenhöfen im Barock und Rokoko abgehalten, was später im 19. Jahrhundert vom Bürgertum fortgeführt wurde.

Damit fand auch eine Wendung zu einer kulturpolitisch-humoristischen Auslegung der Feierlichkeiten statt, so wie man es heute vor allem in Deutschland von den Büttenreden und den Faschingsumzügen kennt. Vom Carnaval do Rio in Südamerika über den Carnevale di Venezia in Italien bis zum Mardi Gras in den USA findet man allerorts die alten Bräuche in unterschiedlichen Spielarten wieder.

Fastnachtdienstag in Klein-Steinheim im Saal Herty, 1932

Bild: aus Sammlung Dr. med. Otto Kunkel; Heike Metko

Schwarz-weiße Pinguine des CCSW vor den fünf Steinheimer Türmen, gezeichnet von Dr. Norbert Pfälzer

Bild: CCSW

In Steinheim hat „der Fasching“ eine lange Tradition, so gab es schon um 1900 mit dem Klein-Steinheimer Faschingsverein 1903 ein organisiertes Narrentum. Heute engagieren sich der Carneval-Club Schwarz-Weiss Steinheim am Main e.V. (kurz „CCSW“, seit 1951) und die 1. Steinheimer Karnevalsgesellschaft 1950 e.V. mit ihren zahlreichen Maskenbällen und dem großen Faschingsumzug maßgeblich.

Während in Kölln „Alaaf“ gerufen wird, bekommt man in Hessen und in Steinheim zu allen Anlässen der Faschingszeit eher ein „Helau“ zu hören. Woher dieser Ausruf kommt, ist nicht ganz klar. Eventuell handelt es sich um eine Ableitung des Wortes „Hölle auf“, feiert man den Karneval auch, um den Winter und die bösen Geister, die bei der Öffnung der Hölle hervorkamen, wieder zu vertreiben. So wird jedes Jahr aufs Neue am 11.11. um 11:11 Uhr (Elfter im Elften) der Beginn der Faschingssaison eingeläutet, welche ihren Höhepunkt mit der Faschingswoche im Februar zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch findet. „Staanem Helau! Staanem Helau! Staanem Helau!“.

 

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