Sechs Wochen im Turm

  • Iler für Fischernetze, 19.–20. Jahrhundert
  • Wasserschöpfer aus Holz, 19.–20. Jahrhundert
  • Bleigewichte für Fischernetze, 19.–20. Jahrhundert
  • Gussform-Zange für Bleigewichtherstellung, 19.–20. Jahrhundert

Bis ins 20. Jahrhundert war der Main einer der fischreichsten Flüsse Mitteleuropas und für den Fischfang bestens geeignet. Einer der Gründe dafür, dass sich Menschen an Flüssen ansiedelten, war die ständige Verfügbarkeit von Fisch. So auch in Steinheim, wo die Fischerei schon seit Urzeiten betrieben wurde.

Um 800, zur Zeit Karls des Großen, lag die Verfügungsgewalt über die Fischerei beim Kaiser, der auch den sogenannten Wildbann errichtete. Fischer hatten Abgaben, das sogenannte Wildgeld, an den Vogt des Kaisers zu entrichten. Ab dem 12. Jahrhundert behielten sich die Steinheimer das Recht vor, dass nur sie vor ihrem Ort im sogenannten Bann- oder Fronwasser fischen durften. 1336 bekam Gottfried von Eppstein von Kaiser Ludwig, der das Fischereirecht als sein königliches Recht ansah, das Lehen zur Fischerei. Damit wurde der Fischfang auf dem Main reguliert und niemand durfte mehr zwischen Klein-Steinheim und Hainstadt ohne Billigung der Steinheimer fischen.

Fischernachen am Steinheimer Mainufer, Malerei von Maria Braun

Bild: aus Steinheimer Bilderbücher von Leo Mayer

Fischer auf dem Main, im Hintergrund ein Raddampfer und das Schloss um 1849, Stahlstich auf Papier von G. Weber (Zeichner) und E. Höfer (Stich)

Bild: lagis Hessen

Der Fischfang war noch immer ein zentraler Bestandteil der Ernährung der Menschen. Der Überlieferung nach saßen der Miltenberger Conrad und dessen Sohn sechs Wochen lang im Turm zu Steinheim ein, da sie ohne Erlaubnis im Gewässer vor der Stadt fischten. 1413 wurde das spätere Zunfthaus in der Stadt erbaut. Es ist heute eines der ältesten Zunfthäuser Hessens. 1425 schlossen sich die erbberechtigten Fischer aus Steinheim, Großauheim und Dietesheim zusammen, um dem Fischfang weiter kontrolliert nachgehen zu können, den Bestand zu schonen und für Gerechtigkeit unter den Fischern zu sorgen.

Die Kurfürsten von Mainz waren ebenso an einer geregelten Organisation interessiert und gaben an die vereinigten Fischer Ordnungen heraus, welche Regeln und Vorgaben enthielten. In der ältesten bekannten Urkunde des Kurfürsten Berthold von Henneberg wurde etwa eine Schonzeit bis zum St. Jakobstag festgelegt. In anderen Ordnungen wurden die Grenzen zwischen den benachbarten Zünften (Frankfurt, Kesselstadt, Steinheim, Seligenstadt und Aschaffenburg) definiert. Eine sehr differenzierte Ausführung einer solchen Ordnung ist mit der „Fischer Ordnung der Statt und Amts Steinheim“ ausgestellt. In dieser Zeit war der erste Zunftmeister aus Groß-Steinheim und der zweite aus Klein-Steinheim. Im Zuge der Gewerbefreiheit im späten 19. Jahrhundert organisierten sich die zunftberechtigten Fischer unter Peter Anton Imgram und Michael und Martin Adam neu und gründeten eine Fischereigenossenschaft. Alle stammten aus Fischerzunftfamilien mit langer Tradition. So konnte man die Rechte wahren und der Wildfischerei begegnen.

Mit dem Aufkommen der Steinbrecherei wurden aus vielen Steinheimer Fischern Schiffsleute, die Fracht transportierten. Seit 1938 hieß die Vereinigung wieder Fischerzunft Steinheim am Main. Im Jahr 2025 feiert die Fischerzunft e.V. ihr 600-jähriges Jubiläum und ist eine der ältesten und bekanntesten Zünfte ihrer Art am Untermain. Ihr obliegt das alleinige Fischereirecht zwischen Offenbach-Bürgel und Hanau-Großauheim und sorgt dort für eine geregelte Fischerei, den Erhalt der Artenvielfalt sowie der vitalen Fortführung der alten Traditionen.

 

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