Mainlust und Griffelkasten

  • 10er-Träger für Bier, von der Steinheimer Kerb, 1980er
  • diverse Bierhumpen, 19. und 20. Jahrhundert

Schon mindestens seit dem 16. Jahrhundert gab es eine regelmäßige Gastronomie in Steinheim. Abgesehen von den Clubheimen der Sportvereine, den Cafés und Eisläden sowie Fast-Food und Sportsbars, gibt es heute vor allem in Groß-Steinheim mit Gambrinus, Wenck’scher Hof, Hofbrauhaus, Bergschänke, Druckhaus, Lug ins Land, Uriges, Treppchen, Zur Sonne, Bodega Andalucia, El Sol oder Zum Deutschen Michel eine reichhaltige Gastronomie.

Klein-Steinheim hingegen hat mit Zum Denkmal, Carmelo’s Ristorante, Seecafé, Am Rathaus, Sinka’s Küche, Ristorante Pfaffenbrunnen, Mainpark Nizza oder auch Zum Anglerheim gegenüber früheren Zeiten ein etwas kleineres Angebot. In den 1920ern gab es dort noch das Bahnhofsrestaurant Wenig und nicht weit davon die Wirtschaft mit Biergarten und Kegelbahn Zur Eisenbahn, in welcher sich schon um die Jahrhundertwende die Sozialdemokraten und die Freien Turner trafen.

Das beliebte Ausflugsziel Hellenhütte, um 1902

Bild: Medienarchiv Hanau-Bildarchiv / MZHU3706_C3

Gruppenbild aus Klein-Steinheim mit dem Steinheimer Lithograf Albert Bildner

Bild: aus Sammlung Dr. med. Otto Kunkel; Heike Metko

An der Ludwigstraße und im alten Ortskern lagen die Gastwirtschaften dicht beisammen. Im Grünen Baum wurde Bier im Krug über die Straße verkauft, im Stern ganz in der Nähe gab es selbstgekelterten Apfelwein zu Fleisch und Wurst. Das Deutsche Haus (bis zum Ersten Weltkrieg Deutscher Kaiser) hatte neben einem schönen Biergarten auch die Turnhalle des Turnvereins TFC, wo Maskenbälle und Feste stattfanden. Die Gastwirtschaft war das Vereinslokal fast aller Klein-Steinheimer Vereine. In der Mainlust, die es von 1876 bis in die 1930er Jahre gab, schlief der Wirt meist beim Kartenspielen ein. Die Hellenhütte war ein beliebtes Ausflugsziel. Im Anker, auch „Schlupp“ genannt, trafen sich später die Anhänger der CDU und der Pfarrei. Dort gab es einen engen Raum mit einem Tisch, welcher „Griffelkasten“ genannt wurde, sicher weil man sich dort zwangsläufig näherkommen konnte. Das Restaurant Kuschke (Mainterrasse) war schon um 1900 eine gut besuchte Lokalität mit Gasträumen, einem großen Saal und einem Hofgarten für 800 Personen. Auch hier gab es, wie in fast allen größeren Wirtschaften Klein-Steinheims, Tanzveranstaltungen, Konzerte und Bälle. Auch konnte man sich seit den 1860er Jahren im Hanauer Hof vergnügen, wo sich heute noch eine Gaststätte befindet. Der Saal Herty hatte größeres Kino und eine Bühne mit Rutschbahn zu Fasching. Der Saal war weit über Steinheim bekannt, so dass sogar Hanauer extra dafür über den Main kamen. Im Bobbe Schänkelsche wurde ab den 1950er Jahren mit einer Spindelpresse Apfelwein gekeltert. In der Waldbar Hubertus, neben Zur Waldesruhe am Ende der Pfaffenbrunnenstraße, trafen sich amerikanische Soldaten und vergnügten sich mit leichten Damen.

Die Gastronomie war ein fester und wichtiger Bestandteil des sozialen Austauschs. Welcher Steinheimer erinnert sich noch an Der Darmstädter Hof, Stadt Leipzig, Ederbräu, Zum Löwen, Zuckerpfiff, Zum Bayrischen Hof, Stilgebauer, Zum Engel, Zur Grünen Au, Zum Kühlen Grund, Fischpfanne, Café Müller, Braustübl, Zum Carlsberg, Hessischer Hof, Scheuer, Lischener, Hubertus, Stadtwirtshaus, Zum Lamm, Schmuckerl, Nizza, Karls-Eck, Drehorgel, Alt Steinheim, Teppich-Bar, Steinheimer Schänke, Mama Rosa, Zur Germania, Leberecht, Ria di Vigo, Schwemme und all die vielen Geschichten zu diesen Orten? Wer erinnert sich an all die Gelage und Feste von manchmal lukullischem Ausmaß, an die Konzerte und Gespräche?

 

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