Latwersch ist keine Marmelade

  • „Latwerjerührer“, aus dem Haushalt der Großeltern von Maria Illert, 20. Jahrhundert

Latwerje oder Latwersch, so der lokale Dialekt, ist eigentlich Latwerge, was sich aus dem lateinischen élect(u)árium bzw. dem griechischen ekleiktón – „was geleckt wird“ – ableitet und in deutscher Sprache auch als Leckmittel bekannt ist. Dabei handelt es sich um eine eingedickte, zähflüssige Saft-Honig-Zubereitung, welche schon im Mittelalter als Medizin verwendet wurde. Damals gab es unter anderem den Theriak oder auch Rosensaftlatwerge mit vielen Inhaltsstoffen. Die alte Medizin wurde gegen Heiserkeit, zur Entschlackung oder Harnsteinleiden angewendet.

In Steinheim hat die Latwerje als eine Art des Pflaumenmuses eine lange Tradition. Im Gegensatz zur Marmelade oder der Konfitüre wird das Mus traditionell ohne Zusatzstoffe ausschließlich durch Reduzieren hergestellt. Dafür nutzt man reife und süße Zwetschgen ohne Kern. Auf 100 Teile Pflaumenmus müssen mindestens 140 Teile Pflaumen (davon höchstens 35 Teile Dörrpflaumen) und maximal 30 Teile Zucker kommen, so das Deutsche Lebensmittelbuch. Die lange Haltbarkeit wird durch das einmalige Aufkochen und dem Wasserentzug in Verbindung mit dem Zucker erreicht. Die traditionelle Zubereitung dauert sehr lange, da der Brei unter ständigem Rühren einkochen muss.

Auch im Lorscher Arzneibuch“ (um 795) wurde Latwerge bereits aufgeführt.

Anwendungsbereiche und Arten von Latwerge in „Harmonia et disharmonia taxarum“, um 1700

Die Steinheimerin Christa Grünbecken erinnert sich an die Zeit, als ihre Familie bis zu acht Zentner Zwetschgen zu Steinheimer Quetsche-Latwersch verarbeitete: Alle Freundinnen wurden zum Sammeln, Waschen und Entkernen auf das Ackergrundstück mobilisiert, wo eine Hütte stand. Das Kochen selbst war eine stundenlange Prozedur, welche durch den Einbau eines Scheibenwischermotors vereinfacht wurde, so musste man nicht die ganze Nacht mit der Hand rühren. Einmal fiel dem Vater die Petroleumlampe in den Bottich und der ganze Brei schmeckte nach Brennstoff. Später verlagerte die Familien die Vorgänge ins Haus mit neuen Gerätschaften und verkaufte einen Teil des Ertrags auf den Basaren der Kirchengemeinde.

 

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