Eine Kuh auf dem Main

  • Fragment der Kette der Maakuh, zwischen 1886 und den 1930er Jahren

Auf dem Main war seit jeher viel los, ob zum Fischfang, zur Freizeit oder zum Transport. Flöße, Schiffe, Fähren und Kähne sah man flussauf und flussab. Schon Goethe bemerkte in seinen schriftlichen Erinnerungen die „tätige Schiffahrt“ auf dem Gewässer. 1842, also etwa achtzig Jahre nach Goethes Bemerkung, begann auf dem Main das neue Zeitalter der Dampfschifffahrt. Die vielen Schiffe auf dem Main beförderten allerlei Frachtgut und Fahrgäste in der Region. Auch konnte man über die Rhein-Verbindung neun europäische Staaten erreichen, so blieb es nicht nur bei lokalem Schiffsbetrieb. Bis zum Aufkommen der Eisenbahn und noch später des Autos war die Schifffahrt ein gutes wie alternativloses Transportmittel.

Zunächst löste die neue Technik die alte, komplizierte Treidelschifffahrt ab, indem man Rad-Dampfer nutzte. Da die Dampfschiffe jedoch einen recht großen Tiefgang hatten, waren sie für den noch nicht kanalisierten und recht flachen Main weniger gut geeignet. So nutzte man ab 1886 die sogenannte Kettenschifffahrt auf dem Fluss. Dampfbetriebene Kettenschiffe hatten nur einen minimalen Tiefgang von 60 cm. Als Zugmaschinen konnten sie so beträchtliche Schleppzüge ziehen, während sie sich an einer im Fluss liegenden Kette entlanghangelten. Dieser Vorgang war sehr laut, es rasselte und dröhnte, es dampfte und quietschte, wenn die Kette sich aus dem Main erhob, über das eiserne Deck schliff und am Heck wieder ins Wasser rutschte. Das laute Pfeifsignal, welches das Schiff sehr oft abgab, war weithin hörbar und erinnerte an das Muhen einer Kuh. Natürlich verpasste man der auffälligen Innovation auf dem Main einen Spitznamen in lokalem Duktus: die Maakuh (Main-Kuh).

Die Maakuh auf dem Main vor Steinheim, 1928

Bild: aus Steinheimer Bilderbücher von Leo Mayer

Die Maakuh vor Groß-Steinheim

Bild: Zeichnung von Ministerialrat i.R. Ludwig Kloos, 1950er Jahre

Die erste Strecke der Mainkette-AG mit vorerst drei Kettenschiffen (Mainkette 1, 2 und 3) verlief von Mainz bis nach Aschaffenburg an Steinheim vorbei, später ging sie gar bis nach Bamberg. Erst in den 1930er Jahren kam die Kettenschifffahrt zu Ihrem Ende und wurde von motorbetriebenen, rentableren Schraubenschiffen ersetzt, da der Main seit der Jahrhundertwende bereits kanalisiert wurde. Auch heute noch verkehren regelmäßig Frachtschiffe auf Durchfahrt oder mit dem Hanauer Hafen als Ziel vor Steinheim. Durch die „Entschärfung“ der engen Flusskurve vor der Altstadt kommt es heute nicht mehr zu Havarien an der Roten Mauer, so wie man sie noch lange Zeit im 20. Jahrhundert bezeugen konnte. Mit dieser letzten Maßnahme zur Verbesserung der Schiffbarkeit des Gewässers kam Steinheim zum sogenannten „Toten Mainarm“ (auch „Alt-Arm“) mit einer naturbelassenen Halbinsel.

 

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