Kaum mehr als ein Gaul

  • Längsschnittmodell eines alten Frachtschiffs für Schüttgut, 20. Jahrhundert
  • Längsschnittmodell eines alten Frachtschiffs für Stückgut, 20. Jahrhundert
    Beide Modelle wurden 2001 von Herr Otto Berninger, Altbürgermeister von Wörth/ Main, gebaut.

Auf der Karte der „Bieger Mark“ (siehe Raum 2) von ungefähr 1580 sieht man zwischen Klein-Steinheim und der Stadt Steinheim ein von Pferden gezogenes Schiff. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Treidelschiff. Schon um das Jahr 10 n. Chr. begannen die Römer unter Drusus mit einer „geregelten“ Schifffahrt auf dem Main. Flussufer wurden von Bäumen und Sträuchern befreit, um Ziehwege an den Ufern anzulegen. So konnten Transportschiffe, die nicht mit Segeln fuhren, von Menschen und Tieren stromaufwärts gezogen werden. Das Treideln (von lat. tragulare) war erfunden. Die Pfade der Schiffszieher nannte man Leinpfad, Treidelpfad oder auch Treppelweg.

Beim Treideln steuerte ein Mann das Schiff am Ruder händisch, während ein anderer am Bug mittels Fahrbaum dafür sorgte, dass das Schiff genug Abstand zum Ufer behielt. Bis zu 200 Treidelknechte (die Anzahl variierte natürlich je nach dem, was es zu ziehen gab) oder Zugtiere wie Pferde oder Kühe zogen das Schiff an einem am Treidelmast befestigten Seil vom Ufer aus, was sehr anstrengend und mühsam gewesen sein muss. Wer zum Treideln verurteilt wurde oder es gar als Beruf ausübte, den erwartete ein hartes Dasein, welches kein hohes gesellschaftliches Ansehen hatte. Pfarrer Hock aus Steinheim urteilte 1810 über die Leinreiter: (...) wenn der Bursche das ganze Jahr hindurch auf dem Leinritt liegt, vergißt er, daß er mehr ist als ein Gaul (...). Er vergißt fast alles wieder, was er in der Schule gelernt hat und verwildert“.

Das „Treideln“ auf dem Main vor Steinheim

Bild: Zeichnung von Ministerialrat i.R. Ludwig Kloos, 1950er Jahre

Leinreiter auf ihrem Weg an Steinheim vorbei, Malerei von Maria Braun

Bild: aus Steinheimer Bilderbücher, Leo Mayer

Am Maintor 6 in Groß-Steinheim wird durch die alte Aufschrift „Die Leinreiterrast“ auf die Steinheimer Leinreiter hingewiesen. Das Volk sprach eher von Leinreitern und dem Leinpfad, was aber nichts anderes meint als Treidler und Treidelpfad und das gleiche Phänomen beschreibt. Beim Leinritt mussten die Pferde regelmäßig ausgetauscht werden. Im Steinheimer Wald ritten Hainstädter Leinreiter durch die Leinschneise nach Frankfurt, um von dort an die Schiffe stromaufwärts zu ziehen. Über die Jahrhunderte hinweg wurde eigentlich ununterbrochen „getreidelt“, bis die Erfindung der Dampfmaschine neue Antriebswege ermöglichte.

 

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